Salomon-Song

Text by Bertolt Brecht (1898-1956)
Set by Kurt Weill (1900-1950)




Ihr saht den weisen Salomon
Ihr wißt, was aus ihm wurd'!
Dem Mann war alles sonnenklar.
Er verfluchte die Stunde seiner Geburt
Und sah, daß alles eitel war.
Wie groß und weis war Salomon!
Und seht, da war es noch nicht Nacht,
Da sah die Welt die Folgen schon:
Die Weisheit hatte ihn so weit gebracht -
Beneidenswert, wer frei davon!

Ihr saht die schöne Kleopatra
Ihr wißt, was aus ihr wurd'!
Zwei Kaiser fielen ihr zum Raub.
Da hat sie sich zu Tode gehurt
Und welkte hin und wurde Staub.
Wie groß und schön war Babylon!
Und seht, da war es noch nicht Nacht
Da sah die Welt die Folgen schon:
Die Schönheit hatte sie so weit gebracht -
Beneidenswert, wer frei davon!

Ihr saht den kühnen Cäsar dann
Ihr wißt, was aus ihm wurd'! 
Er saß wie 'n Gott auf 'nem Altar
Und wurde ermordet, wie ihr erfuhrt
Und zwar, als er am größten war.
Wie schrie der laut: "Auch du, mein Sohn!"
Und seht, da war es noch nicht Nacht
Da sah die Welt die Folgen schon:
Die Kühnheit hatte ihn so weit gebracht -
Beneidenswert, wer frei davon!

Ihr kennt den redlichen Sokrates
Der stets die Wahrheit sprach:
Ach, nein sie wussten ihm keinen Dank
Vielmehr stellten die Obern boese ihm nach
Und reichten ihm den Schierlingsstrank.
Wie redlich war des Volkes grosser Sohn!
Und seht, da war es noch nicht Nacht
Da sah die Welt die Folgen schon:
Die Redlichkeit hatt' ihn so weit gebracht!
Beneidensweit, wer frei davon!

Der heilige Martin, wie ihr wisst
Ertrug nicht fremde Not.
Er sah im Schnee ein armen Mann
Und er bot seinen halben Mantel ihm an
Da frorn sie alle beid zu Tod.
Der Mann sah nicht auf irdischen Lohn!
Und seht, da war es noch nicht Nacht
Da sah die Welt die Folgen schon:
Selbstlosigkeit hatt' ihn so weit gebracht!
Beneidensweit, wer frei davon!

Hier seht ihr ordentliche Leut
Haltend die zehn Gebot.
Es hat uns bisher nichts genuetzt:
Irh, die am warmen Ofen sitzt
Helft lindern unsre grosse Not!
Wie kreuzbrav waren wir doch schon!
Und seht, da war es noch nicht Nacht
Da sah die Welt die Folgen schon:
Die Gottesfurcht hat uns so weit gebracht!
Beneidensweit, wer frei davon! 

Und jetzt sehr ihr Macheath und mich
Gott weiß, was aus uns wird!
So groß war unsre Leidenschaft
Wo haben wir uns hin verirrt
Daß man ihn jetzt zum Galgen schafft.
Da seht ihr unsere Sünde Lohn.
Und seht, da ist es noch nicht Nacht
Da sieht die Welt die Folgen schon:
Die Leidenschaft hat uns so weit gebracht -
Beneidenswert, wer frei davon!


Back to the Personal Homepage.